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Der Weihnachtsmann 
spricht Finnisch

7.10.2014 Frankfurter Buchmesse

Liebe Leser,

ich wurde im Jahr 1977 in Finnland in eine estnisch-finnische Familie geboren, als Finnland das goldene Zeitalter der Finnlandisierung erlebte. Sie schuf eine Atmosphäre, die sich auf das ganze Land auswirkte, und Finnlandisierung betrieben die Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft ebenso wie die Medien und die Kulturelite. Sowjetkritische Wissenschaftler an den Universitäten hatten kein leichtes Leben, und in der Journalistenausbildung herrschte derselbe Geist. An unserer Schule wurden Landkarten benutzt, auf denen mein zweites Heimatland Estland fehlte, und von der sowjetischen  Besetzung Estlands wurde in Euphemismen gesprochen. Als im schwedischen Fernsehen der Film Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch nach dem Roman von Alexander Solschenizyn gezeigt wurde, unterbrachen die finnischen Behörden die Übertragung, die sonst auch innerhalb der Grenzen Finnlands zu sehen gewesen wäre. Dieser Film, der das sowjetische System der Straflager darstellte, war nicht für die Finnen bestimmt. Das Ärgerlichste bei all dem war aber vielleicht die Selbstzensur; Finnland agierte selbst als sein gründlichster Zensor.

Finnlandisierung war gleichbedeutend mit verminderter Selbstständigkeit, mit angenagter Demokratie und abgewürgter Meinungsfreiheit – ein Modell, das ein Finne unmöglich irgendjemandem empfehlen kann, obwohl in letzter Zeit viele ausländische Wissenschaftler fanden, dass es sich für die Ukraine eigne. 

Die Meinung und der Geschmack der Bürger jener Zeit verraten jedoch, dass es auch ein anderes Finnland gab. In meinem Geburtsjahr kam die Platte einer finnischen Rockgruppe, der Sleepy Sleepers, heraus. Ursprünglich hatte die Einspielung Anarkiaa Karjalassa, Anarchie in Karelien, heißen sollen, aber aus außenpolitischen Gründen wurde sie unter dem Titel Takaisin Karjalaan, Zurück nach Karelien, veröffentlicht. Finnland musste im Jahr 1940 nach dem Winterkrieg Karelien an die Sowjetunion abtreten – ebenso nach dem Fortsetzungskrieg von 1944 – und das Thema war heikel. Manche Leute in Finnland waren der Auffassung, die Platte schade den finnisch-sowjetischen Beziehungen, und so wurde sie aus den Musikautomaten entfernt. Von der Band wurde verlangt, dass sie Auftritte absagte. Sie war jedoch nicht bereit, sich finnlandisieren zu lassen, und wurde später eine der beliebtesten Rockgruppen.

Karelien ist für die finnische Kunst schon allein deswegen immer ein wichtiger Landstrich gewesen, weil dort unser Nationalepos Kalevala entstanden ist. Karelische Themen waren von alters her sowohl in der Musik als auch in der Bild- und in der Wortkunst bekannt, aber nach dem Verlust dieses Gebiets kam noch die Aussiedlerliteratur hinzu. Aus Karelien flüchtete eine halbe Million finnischer Staatsbürger nach Finnland, und während das Land finnlandisiert wurde, schufen besonders die Schriftstellerinnen mit Aussiedlerhintergrund in der finnischen Literatur ein literarisch starkes Karelien. In den schlimmsten Jahren der Finnlandisierung goutierten die Kritiker diese Themen nicht, aber die Leser liebten sie. So haben sich zum Beispiel die historischen Romane von Laila Hirvisaari, die über die Aussiedlung schrieb, in Finnland über vier Millionen Mal verkauft. Finnland hat nur fünfeinhalb Millionen Einwohner, sodass klar sein dürfte, wie beliebt diese Bücher bei den Menschen waren.

Obwohl es schwierig war, öffentlich zu diskutieren, war Karelien für Rockmusik und Literatur zu einem Ort geworden, wo Schmerzpunkte der finnischen Geschichte behandelt werden konnten. Für genau solche Situationen wird die Kunst gebraucht. Wenn die äußere Wirklichkeit und der offizielle Standpunkt des Landes nicht den Erfahrungen der Menschen und ihrem Rechtsempfinden entsprechen, führt das immer zu Unsicherheit und Skepsis gegenüber der Realität und der Berechtigung der eigenen Erfahrungen. Das schwächt das Selbstbewusstsein, das schwächt das Individuum, das schwächt das Volk. Der Mensch braucht für seine Erfahrungen einen Spiegel, und dafür benötigt er eine nationale Literatur, die er in seiner Muttersprache lesen kann. Das war für Finnland nicht immer selbstverständlich.

Die Bedeutung der Schriftstellerinnen

Im Jahr 1917 erlangte Finnland die Unabhängigkeit, und der Wille zur Unabhängigkeit war seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stetig gewachsen. Doch damals galt die finnische Sprache noch als für literarische Zwecke zu derb. Die finnische Schriftsprache ist jung, und es gab einfach noch keine Schriftsteller, die sich in schriftlichem Finnisch geschmeidig genug ausdrücken konnten. Auch wenn das Kalevala alle Kunstgattungen inspirierte - Elias Lönnrot hatte es aus der von ihm gesammelten mündlichen Überlieferung zusammengestellt. Die offizielle Sprache war das Schwedische, und das behielt seine Stellung auch dann noch, als der russische Zar Herrscher über Finnland wurde. Das Schwedische blieb weiterhin die Sprache von Kultur, Bildung und Literatur, das Finnische war für die Bauern da.

Die schwedischsprachigen Intellektuellen fanden jedoch, Finnland brauche außer der Unabhängigkeit eine finnischsprachige Nationalliteratur, und kämpften für diese Sprache. Die Frauen wirkten aktiv in der Unabhängigkeitsbewegung mit, und ebenso waren sie an der Entstehung der schönen Literatur Finnlands beteiligt. 1848 schrieb Fredrika Wilhelmina Carstens (1808-1888) den ersten finnischen Roman. Eine andere bedeutende Wegbereiterin war Fredrika Runeberg (1807-1879), die Gattin des Nationaldichters Johan Ludvig Runeberg, die lange im Schatten ihres Mannes stand. Sie verfasste jedoch unseren ersten historischen Roman mit dem Titel Rouva Katariina Boije ja hänen tyttärensä, Frau Katariina Boije und ihre Tochter, der 1858 erschien. Er behandelt die Zeit des Großen Unfriedens, das heißt die Zeit der russischen Besetzung Finnlands im 18. Jahrhundert.

Fredrika Wilhelmina Carstens und Fredrika Runeberg schrieben noch auf Schwedisch, aber schon bald folgten ihnen die finnischsprachigen Schriftstellerinnen, auch in der Dramenliteratur. Diese Frauen führten die Probleme der Geschlechterrollen und des Familienlebens in die Literatur ein – Themen, die damals nicht in die öffentliche Diskussion gehörten. Obwohl die Rezeption im Allgemeinen kühl war, begrüßte das unabhängigkeitshungrige Finnland in der Literatur zugleich Geschichten über Frauen, die mit den Widrigkeiten des Lebens rangen. Es hieß die Kämpferinnen, die Heldinnen, willkommen, weil sie gebraucht wurden. Der Bedarf an finnischsprachiger Literatur war so groß, dass schreibende Frauen nicht einfach ignoriert werden konnten.

Die finnische Literatur hat von Anfang an Identitätsgeschichten von Frauen für Frauen hervorgebracht, und es hat in unserer Literatur immer weibliche Personen gegeben, die den Idealen nicht entsprachen. Die Frau war in der finnischen Literatur von Anfang an ein Subjekt. Diese Pionierinnen brachten eine Diskussion über die Rechte und über die Identität von Frauen sowie über deren Recht auf ihren eigenen Körper in Gang, die immer noch andauert. Und sie trugen dazu bei, dass Finnland ein Land wurde, in dem die Gleichberechtigung im internationalen Vergleich einen guten Platz einnimmt und wo die Hälfte aller Schriftsteller Frauen sind.

Die Bodenschätze entscheiden das Schicksal der finno-ugrischen Völker

Entstehung und Bedeutung der finnischen Literatur sind in der Geschichte Finnlands mit der Frauenbewegung, mit der nationalen Identität wie auch mit der Unabhängigkeit des Staates verknüpft. Ohne die Unabhängigkeit hätte die Zukunft unserer Literatur ebenso traurig sein können wie die von beklagenswert vielen finno-ugrischen Völkern, von denen es insgesamt vierundzwanzig mit rund 23 Millionen Sprechern gibt. Nur drei Sprachen dieser Völker leben und gedeihen in einem Nationalstaat: Finnisch in Finnland mit über fünf Millionen Sprechern, Estnisch in Estland mit etwa einer Million Sprechern und Ungarisch in Ungarn mit etwa vierzehn Millionen Sprechern. Den übrigen finno-ugrischen Sprachen geht es in weiten Gebieten schlecht, ganz besonders in Russland, und viele Sprachen sind schon ausgestorben oder bedroht, ganz zu schweigen von der Literatur. Das ist der Kolonisation zu verdanken, die auch so vielen anderen Urvölkern zum Verhängnis wurde. Wir Finnen können uns wahrscheinlich glücklich schätzen, weil unsere natürlichen Ressourcen vor allem aus wenig extravagantem Holz bestehen. Das Volk der Mari und die Nenzen dagegen sitzen auf den Ölfeldern Russlands. Die natürlichen Ressourcen des Siedlungsgebiets der Komi wurden mit Hilfe des ausgedehnten sowjetischen Systems der Straflager, des GULags, genutzt, und das führte zur Russifizierung des Gebiets und zugleich zum Niedergang der komisprachigen Buchkultur. Da die finno-ugrischen Völker immer in ländlichen Gebieten gelebt haben, war die Zwangskollektivierung der Sowjetunion für sie schlimm und bedeutete praktisch die Russifizierung ihrer Siedlungsgebiete. Vierzig Prozent der russischen Öl- und Diamantenvorkommen liegen auf Gebieten, die von finno-ugrischen Völkern bewohnt werden, und das hat das Schicksal dieser außerordentlich friedfertigen Kulturen besiegelt.

Während der Perestroika wurde die Atmosphäre jedoch freier, und das zeigte sich auch im Leben der in Russland ansässigen finno-ugrischen Völker. Es begann eine Diskussion über die zuvor verschwiegenen Verfolgungen und über die Verbesserung der aktuellen Lage, und es wurde an der Vernetzung mit anderen finno-ugrischen Völkern gearbeitet. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs setzten vielerorts Aktivitäten ein, die die Situation der jeweils eigenen Sprache und Kultur verbessern sollten. 

Diese freiere Zeit endete jedoch mit den Tschetschenien-Kriegen. Sie führten in Russland zu einer Verhärtung der Haltungen. Auf den Freiheitskampf der Tschetschenen folgte eine Welle terroristischer Anschläge, die die Angst auch vor anderen nationalen Minderheiten schürte. Während der Regierungszeit von Wladimir Putin tauchte eine neue Gefahr auf: die Erstarkung der Zentralgewalt und die Vereinheitlichung der Föderationsgesetze. Ziel war es, solche lokalen Gesetze zu ändern, die den Verwaltungsorganen der finno-ugrischen Gebiete das Recht auf die Ressourcen und Bodenschätze ihres Gebiets einräumten; die Geldströme sollten wieder Richtung Moskau fließen. Der Druck, solche Änderungen vorzunehmen, zielte auch auf die Sprachgesetze und damit auf die Schwächung der Rechte der nationalen Minderheiten. In den letzten Jahren hat die Zentralgewalt ihren Zugriff noch weiter verstärkt, und der extreme Nationalismus hat zugenommen. 

Nach Ansicht von Sirkka Saarinen, Professorin für Finno-Ugristik, zeigt sich die Stärkung der Zentralgewalt auch darin, dass niemand mehr wagt, die Rechte der finno-ugrischen Völker zur Sprache zu bringen; der Diskurs darüber ist verstummt. Fragenden wird zu verstehen gegeben, alles sei in Ordnung, die Entscheidungen der Zentralgewalt werden nicht angezweifelt. Das ist die Rückkehr zu dem sowjetzeitlichen Schauspiel, in dem die Freundschaft der Völker eine Inszenierung ist, in der wohl Nationaltrachten zugelassen sind, jedoch keine Diskussionen. Von den nationalen Kulturen werden nur die Kulissen, nicht aber die Inhalte akzeptiert. 

Im Jahr 2005 beschuldigten die von der russischen Regierung kontrollierten Medien diese kleinen Völker verschwörerischer Aktivitäten und behaupteten, die finnougrische kulturelle Zusammenarbeit betreibe die Errichtung einer finno-ugrischen Großmacht – ein Gedanke, der lächerlich wäre, handelte es sich nicht um den Versuch einer Kolonialmacht wie Russland, bereits unterworfene Völker noch stärker zu unterdrücken. Im Jahr 2012 konkretisierte sich die Bedeutung von Russlands neuem Kurs für die in den Grenzen Russlands lebenden finno-ugrischen Völker. Damals fand der sechste finnougrische Kongress statt, und daran nahm auch der damalige russische Kulturminister Wladimir Medinski teil. Er erklärte, die finnougrische Zusammenarbeit sei „eine antirussische Bewegung“. Der als internationales Kooperationsforum fungierende Kongress sei angeblich gegründet worden, um sich in die inneren Angelegenheiten Russlands einzumischen und um die Einheitlichkeit der russischen Kultur zu zerstören. Unmittelbar nachdem der Kulturminister dem Kongress diese Dinge mitgeteilt hatte, begab er sich direkt auf die Gründungsversammlung eines Klubs von extrem nationalistischen konservativen Patrioten. Der Klub gab an, er verstehe sich als Gegenkraft für die Provokationen der Demokratiebewegung und entwickle für Russland eine neue Ideologie. Eines ihrer Ziele sei die Wiedergeburt Russlands. Wir alle wissen, wie dieser Klub seinen Zielen näher gekommen ist. Paradoxerweise benutzt Russland seinen Wunsch, das Recht seiner Landsleute auf den Gebrauch ihrer Muttersprache zu verteidigen, als politisches Vehikel, während es zugleich anderen dieses Recht verweigert.

Natürlich geht es nicht nur um die Sprache, sondern vor allem um die Naturreichtümer. In den arktischen Gebieten legt das schmelzende Eis weitere Bodenschätze frei, und zufällig gehören diese Gegenden ebenfalls zu den Siedlungsgebieten der finno-ugrischen Völker. Es vollzieht sich gerade ein großer Sprung hin zur Industrialisierung der Arktis, und die indigenen Völker gehören zu den letzten Hindernissen auf dem Weg zur Ausbeutung der Bodenschätze. Die Not dieser Völker ist nicht in dem Maße ins internationale Bewusstsein gedrungen wie die Umweltschäden, die die Lebensbedingungen der Urvölker anderer Kontinente zerstören. Vielleicht liegt das daran, dass Journalisten lieber in warme Gegenden reisen als in arktische, oder daran, dass über die bedrängten Finnougrier einfach nicht genügend bekannt ist. Deren Literatur wird nicht gelesen, sofern sie überhaupt vorhanden ist, und Völker, wenn in der Weltliteratur nicht einmal marginal vertreten, sind für diejenigen, die die Macht haben, diese Dinge zu beeinflussen, quasi gar nicht vorhanden. Buchkulturen sind immer starke Kulturen, und zu ihren besten Seiten zählt, dass sie durch Übersetzungen auch anderen zugänglich gemacht werden können. Sie vermitteln den künftigen Generationen und durch Übersetzungen der ganzen Welt, die kollektive und historische Erinnerung der Völker, aber leben kann die Sprache nur, wenn Kinder und Jugendliche sie miteinander sprechen und wenn sie im Alltag verwendet wird. Aus einer solchen Umgebung erwachsen auch Schriftsteller, die imstande sind, die Sprache als Werkzeug einzusetzen. Deshalb sind Unterricht und Alltagssprache wesentliche Lebensbedingungen für die literarische Kultur kleiner Sprachgebiete, und deshalb sind die organisierten Sprachnester in Kindergärten und Schulen dieser kleinen Sprachgebiete nach Meinung der russischen Verwaltung so furchtbar gefährlich. Das könnte doch über kurz oder lang dazu führen, dass hier auf der Buchmesse in Frankfurt Bücher von vielen verschiedenen Urvölkern erscheinen, die über die Verfolgungen, die sie erlitten haben, erzählen, über ihre Ausplünderung und über die seit vielen Jahrhunderten praktizierte Kolonialpolitik Russlands. Vielleicht würden Filme über sie gedreht, so wie über die Maoris in Neuseeland oder über die nordamerikanischen Indianer, die die ganze Welt sehen könnte. Da in einer solchen Situation die Ausbeutung der Bodenschätze schwieriger werden könnte, wird so etwas nicht geschehen. 

Nur freie Sprachen fliegen

Die Vertreter großer Sprachgebiete haben mich manchmal gefragt, warum um alles in der Welt ich denn auf Finnisch schreibe, wo ich doch auch Englisch spreche. Ich schreibe auf Finnisch, weil das meine Muttersprache ist, und dank der Übersetzer hat die Tatsache, dass ich ein kleines Sprachgebiet vertrete, mich nicht daran gehindert, eine weltweite Leserschaft zu erreichen. Die finnische Sprache mit ihrer Alliteration und ihren endlosen Flexionsmöglichkeiten ist für Schriftsteller nachgerade unübertrefflich. Außerdem weise ich darauf hin, dass, wenn wir Finnen die Entwicklung unserer Sprache und Literatur unterlassen hätten, Sie heute vielleicht nicht J.R.R. Tolkiens Herr der Ringe hätten, denn Tolkien liebte diese „putzige“ Sprache, die die Grundlage von Tolkiens Sprache der Eldar bildete. Und wenn es nicht diese Vielfalt der Sprachen gäbe, würde niemand in Frage stellen, dass zum Beispiel die Pronomen das Geschlecht nicht ausdrücken müssen. Das Finnische und das Estnische kommen wunderbar ohne geschlechtsdefinierende Pronomen aus, und das hat vielleicht auch etwas mit der Gleichberechtigung bei uns zu tun, denn die Sprache produziert immer Realität. Und vielleicht sind die Finnen deshalb für ihre Gewissenhaftigkeit bekannt, weil Präsens und Futur dieselbe Verbform haben. Vor allem sollten wir bedenken, dass die Muttersprache des Weihnachtsmanns wahrscheinlich das Finnische oder das Saamische ist, das ja auch zu den finno-ugrischen Sprachen gehört. Der Weihnachtsmann wohnt nämlich bei uns, auf einem Berg an der heutigen Grenze zwischen Finnland und Russland, aber als gebildeter Skandinavier versteht er - zum Glück für Ihre Kinder - mehrere Sprachen.

Im Jahr 2014 wurde Finnland von den internationalen Organisationen für Rede- und Pressefreiheit für den Zustand seiner Presse- und Redefreiheit auf Platz eins des Rankings gesetzt, Estland ist auf Platz elf vorgerückt, und die Lage bei den Menschenrechten ist in diesen beiden Demokratien im internationalen Vergleich ausgezeichnet. In nur zwanzig Jahren hat sich ein enormer Wandel vollzogen. Als Finnland im Jahr 1917 und Estland 1918 unabhängig wurden, bezweifelten viele die Fähigkeit dieser Länder, als unabhängige Staaten zu agieren – genau so, wie es jetzt der Ukraine widerfährt. Sowohl Finnland als auch Estland sind Beispiele dafür, was für eine Entwicklung Völker, Sprachen und Künste in kurzer Zeit durchlaufen können, wenn sie die Möglichkeit dazu bekommen.

Fredrika Runeberg glaubte ebenso wie John Stuart Mills, dass Frauen und Sklaven erst dann wissen, wer sie sind, wenn sie ihre Freiheit erlangt haben. Das gilt auch für die Sprachen. Nur das freie Wort kann fliegen. 

Aus dem Finnischen von Angela Plöger